
„Warum drehen eigentlich so viele DJs ständig an irgendwelchen Knöpfchen?“
Es gibt kaum eine Kulturform, die ihre eigene Tätigkeit so erfolgreich mystifiziert hat wie die DJ-Szene. Ein Pianist spielt. Ein Schlagzeuger trommelt. Ein Saxophonist ringt hörbar mit seinem Instrument. Beim DJ dagegen wird jede Fingerbewegung zum sakralen Akt erhoben. Der Griff zum Filterregler erscheint wie eine Herzoperation am offenen Beat, obwohl in vielen Fällen gerade nichts anderes geschieht, als einen vorbereiteten Übergang um zwölf Sekunden zu verlängern. Natürlich gibt es großartige DJs. Menschen mit musikalischem Gespür, Timing, dramaturgischer Intelligenz und der seltenen Fähigkeit, einen Raum zu lesen wie andere ein Buch. Die bauen Spannungen auf, lösen sie wieder, überraschen, verführen. Das ist ein Handwerk. Man findet diese Leute in homöopathischen Dosen.
Nur ist das eben etwas völlig anderes als der gängige Zirkus, der inzwischen überall darum veranstaltet wird. Die eigentliche Aufführung besteht heute oft gar nicht mehr in der Musik, sondern im sichtbaren Arbeiten. An Knöpfen drehen. Kopfhörer auf. Kopfhörer ab. Kurz konzentriert gucken. Eine Hand in die Luft. Wieder am Equalizer nesteln. Noch einmal am Filter ziehen. Das Publikum soll sehen, dass gearbeitet wird. Das ist die Bühnensimulation von Produktivität. Man kennt das aus anderen Branchen. Der Manager läuft mit Laptop unterm Arm besonders schnell durch den Flur. Der Barista wischt zum fünften Mal dieselbe Espressomaschine ab. Und der DJ dreht eben am Regler, dessen Bewegung akustisch kaum noch von Bedeutung ist. Arbeit muss sichtbar sein, sonst glaubt keiner daran.
Hinzu kommt etwas beinahe Religiöses. Die Technik selbst wird zum Fetisch. Mischpulte leuchten inzwischen wie das Cockpit eines Langstreckenjets. Kabel, Pads, Displays, Controller. Je komplexer das Gerät aussieht, desto eher unterstellt das Publikum eine ebenso komplexe Leistung. Das ist eine alte menschliche Schwäche. Wir verwechseln Apparatur mit Können. Und dann ist da noch diese seltsame Heroisierung: Ein Mensch, zwei USB-Sticks, Software übernimmt Beatmatching, Synchronisation und Pegelkontrolle, und die Menge jubelt jeder Filterfahrt zu, als hätte gerade jemand Beethovens Neunte rückwärts auf einer usbekischen Nasenflöte improvisiert.
Das Lächerliche liegt nicht im DJing, es liegt in der Inszenierung seiner Bedeutsamkeit. Gute DJs sind feinsinnige Kuratoren. Schlechte halten sich für Schöpfer des Universums, weil sie einen Übergang zwischen zwei Tracks gefunden haben, den vor ihnen bereits zigtausend andere gespielt haben. Und dann diese horrenden Summen, die inzwischen auch diese Mischungen als Metallgesicht ( Piercings ) und menschlicher Tapete ( Tattoos ) selbst in der ländlichen Provinz für ihre Knöpfchendreherei verlangen. Da kann ein Abend schnell mal bis zu 1.000 EUR kosten, dafür das der sich dann mit zwei USB-Sticks und einem Laptop an die meist schon vorhandene und extra bezahlte Anlage einstöpselt und zum 36igsten Mal in diesem Monat das gleiche Set spielt, dass er irgendwann in den Wintermonaten an einem grauen Nachmittag zusammen gebastelt hat.
Vielleicht ist das der Kern des Ganzen. Wir leben in einer Zeit, in der nicht mehr entscheidend ist, was jemand tut, sondern wie spektakulär das Tun aussieht. Das Knopfgedrehe ist weniger Musik als Choreografie. Ein Theaterstück über Kontrolle. Die Regler sind die Requisiten. Und das Publikum bezahlt oft nicht für den Klang, sondern für die Illusion, Zeuge eines magischen Vorgangs geworden zu sein. Dabei ist der eigentliche Zauber einer guten Nacht fast immer unsichtbar. Nicht der Finger am Fader entscheidet, sondern das Ohr. Und das sieht man eben schlechter.
Durch inzwischen von KI komplett komponierter, oder soll man sagen syncronisierter, Musik wird der DJ in seinem Tun künftig womöglich überflüssig.
War er bisher schon nur der, der von fremden komponierte Musik aneinander gereiht hat, ein wenig gemischt mit ein paar Samples, der Rhythmen am Regler variierte und Klänge am Equalizer verschob, sind das alles Dinge, die die KI künftig auch ohne ihn kann. Dieser musikalische Parasit, dessen Erfolg sich im Wesentlichen aus der schöpferischen Kraft anderer speist, wird aussterben. Vorbei die Hampellei auf der Bühne, mit der er zeigt, dass nur er weiß, wann er welchen Knopf ohne irgendeinen erkennbaren Effekt drehen muss.
Die Menschheit neigt dazu in vielen Prozessen immer bequemer zu werden. Den eigenen Aufwand zu minimalisieren, das was man reinsteckt zu verkleinern, um die Wertschöpfung zu vergrößern. So werden künftig technische Geräte jenes Mischen übernehmen, dessen sich bisher - von wenigen Ausnahmen abgesehen - so viele unbedeutende und unbegabte Musikspezialisten berufen fühlten. Sie schafften es bis in die Jury´s von Castingshows als Experten, um dort junge Talente, die viel weiter waren als sie selbst es jemals gebracht hatten, fertig zu machen. Womöglich wird dies bald ein Ende haben. Gott sei dank !