Nissans Elektro-Überflieger



  • Nissan Leaf Nismo RC:
    Testfahrt im Elektroauto der Superlative

    Der Nissan Leaf gehört zu den meistverkauften Elektrowagen der Welt. Jetzt hat Nissan eine ganz besondere Version gebaut: einen Renn-Ableger des Leaf. Autor Fabian Hoberg auf Testfahrt in einem der ungewöhnlichsten Elektroautos.

    • Elektro-Rennwagen mit Batterie aus dem Serien-Leaf
    • Zwei E-Motoren leisten zusammen 240 kW/326 PS
    • Antrieb kommt später auch in Serie

    Die Rennstrecke bei Valencia steht unter Wasser. Teile der Elektronik und der Batterie werden deshalb abgeklebt. Denn: Sicherheit geht vor. Das erlebe ich während des gesamten Tests des neuen Nissan Leaf Nismo RC gleich mehrmals – einen Kurzschluss bei einem Elektroauto will schließlich niemand.

    Im Nismo ist es rennwagentypisch eng

    Ich öffne die Fahrertür aus Carbon und klemme mich mit etwas Mühe hinter das kleine Steuer des 326 PS starken Sportwagens. Alle wichtigen Funktionen lassen sich über das Lenkrad bedienen, etwa die verschiedenen Fahrmodi und das Getriebe – mit dem Serien-Leaf hat das nichts mehr zu tun. Die Vier-Punkt-Gurte sind schnell angelegt. Eng ist es im Leaf Nismo RC, wie in einem echten Rennwagen. Noch schnell die Füße sortiert und die Spiegel justiert.

    Los geht's. Ich aktiviere im Mitteltunnel die Stromzufuhr und höre: nichts. Nur ein paar Blinklichter am Lenkrad zeigen an, dass der Strom nun fließen kann. Mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand drehe ich am Getriebewählhebel, lege den Drive-Modus ein. Kein Klacken, kein Summen – aber dennoch ist der Renner bereit für die Strecke.

    Es geht raus in die Boxengasse, die Regentropfen trommeln auf der Carbonhaut. Nur nicht übertreiben, ein Crash wird teuer. Der Rennwagen entstand in monatelanger Handarbeit, die Kosten gehen in die Hunderttausend Euro.

    Die Strecke konnte ich mir eine Stunde vorher in einem Serien-Leaf einprägen, vor allem dieBrems- und Einlenkpunkte. Dennoch winkt die Instruktorin Martha ab der ersten Kurve heftig, wenn ich bremsen soll – ihre Sorge gilt aber wohl eher dem Auto als mir.

    Der Renn-Leaf ist bissig abgestimmt und federt bretthart

    Doch sie braucht keine Angst zu haben. Nur langsam taste ich mich an höhere Geschwindigkeiten heran, teste die Reaktion des Gaspedals ebenso wie die der hydraulischen Bremsen. Ich spiele mit dem Lenkrad, um ein Gefühl für das Auto zu bekommen. Schnell wird klar: Der Nismo ist bissig abgestimmt, reagiert sofort und federt bretthart – ein reinrassiger Rennwagen, der nichts mit dem Serien-Leaf zu tun hat.

    62 kWh Batteriekapazität – wie beim Serien-Leaf

    Zwei Lüfter kühlen die E-Motoren, Flüssigkeit sorgt dafür, dass die 62-kWh-Batterie des Nismo nicht überhitzt. Die Leistung der beiden Elektromotoren kann je nach Bedarf verteilt werden, maximal sind es 120 kW an der Vorderachse und 120 kW an der Hinterachse. Bei Regenwetter gehen die Renningenieure aber auf Nummer sicher und kappen die Leistung auf 100 kW hinten und 60 kW vorn.

    160 kW oder 217 PS für einen Rennwagen klingen zwar nicht nach viel – bei nasser Fahrbahnreicht das aber schon aus, um mit den 235/40 ZR18 Semi-Slicks ins Rutschen zu kommen.

    Nach der zweiten Kurve kommt eine lange Gerade, instinktiv trete ich das rechte Pedal voll durch. Der Nismo zuckt kurz mit dem Heck und drückt meinen Oberkörper fest in den Sitz. Parallel dringt ein infernalisches, hochfrequentes Singen in meinen Helm. Trotz Ohrstöpseln wird es schon nach kurzer Zeit unerträglich laut. Kein Bollern, kein Fauchen, nur dieses hochfrequente Zischen, Heulen und Singen. Klingt ein bisschen wie der Warp-Antrieb von Raumschiff Enterprise.

    Die nächste Schikane beendet diesen Gedanken, auf Marthas Anweisung trete ich voll in die Eisen, löse die Bremse und fahre pfeilschnell durch eine Links-rechts-Kombination. Der Nismo macht das klaglos mit und hält guten Kontakt zur nassen Strecke.

    Die angegebenen 3,4 Sekunden von 0 auf 100 km/h und 220 km/h Topspeed muss ich den Nissan-Leuten glauben – ausprobieren kann ich es bei Regen nicht. Bis zu 35 Minuten könnte ich unter Vollgas mit einer Batterieladung fahren – wenn ich denn dürfte. Nach wenigen Runden ist Schluss, und wir rollen in die Boxengasse. Die Bremsscheiben knistern leise, vom Motor ist nichts zu hören.

    Dass Elektromobilität auch im Motorsport faszinierend ist, zeigt schon seit ein paar Jahren die Formel E. Auch dort betätigt sich Nissan. Doch einen elektrischen Nismo wird es in dieser Form nicht geben: Eine Serie fehlt ebenso wie ein passendes Reglement. Schade, denn der Rennwagen hat das Zeug dazu, auch die letzten Elektroauto-Skeptiker zu überzeugen.

    "Der Leaf Nismo RC ist ein fahrendes Versuchslabor, ein Demo-Auto, das die Elektromobilität der Serie mit dem Rennsport verknüpft", sagt Gareth Evans von Nissan Motorsport. Der im Nismo verbaute Twin-Motor gibt einen Ausblick auf die nächste Generation von Nissan-Elektrofahrzeugen. Künftig werden genau diese E-Antriebe an Hinter- und Vorderachse sitzen. In welchem Modell auch immer.


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